Täglich begegnen uns online Lügen, Hetze und andere als Wahrheit verkaufte Kuriositäten von Verschwörungstheoretikern und Hassgruppen. Wieso sind solche Falschmeldungen so erfolgreich und was kann man dagegen unternehmen? In einem Vortrag der vergangenen re:publica deckt Ingrid Brodnig die Psychologie hinter Fake-Meldungen im Internet auf und erklärt, warum diese sich so wirkungsvoll verbreiten.
Brodnig ist Redakteurin des österreichischen Nachrichtenmagazins Profil und dort für die Berichterstattung über Digitales zuständig. Im April erschien ihr zweites Buch „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“. Darin benennt sie Tipps und Strategien für einen effektiven Umgang mit Falschmeldungen und aggressiver Rhetorik im Netz.
„Digitale Desinformationskultur“
Falschmeldungen vergiften seit mehreren Monaten erfolgreich das politische Klima in digitalen Debatten. Sie wirken vor allem durch die Wiederholung, und das Internet dient ihnen als Katalysator. Es ist jedoch nicht ursächlich für diese Entwicklung. Vielmehr liegt es an einer Kombination aus menschlichen und technischen Mechanismen, dass sich Lügengeschichten so gut verbreiten.
Die Vernetzung von rechten Blogs, die sich gegenseitig als „unzensierte“ Quelle zitieren, führt zur Konstruktion einer eigenen „Parallelrealität mit wiederkehrenden Mythen“. Für etwaige Korrekturen und gegenläufige Argumente sind die betroffenen Menschen oft nicht erreichbar. Brodnig plädiert für eine digitale Debatte, „bei der man es den Verschwörungstheoretikern und Hassgruppen ein bisschen schwieriger macht“.
Funktionsweise: „Panikmache mit Copy-Paste-Prinzip“

Um die Mechanik hinter der Verbreitung von Desinformationen zu erklären, greift die Autorin auf ein typisches Beispiel zurück. Ein Blog berichtete, in Schweden sei ein Bürgerkrieg auf Grund „der Flut von islamischen Migranten“ ausgebrochen. Recherchen ergaben, dass die Meldung eine Kette von Blogs und vermeintlichen „Nachrichtenportalen“ durchlief und jeweils wortidentisch kopiert wurde. Schließlich war eine islamfeindliche israelische Seite für die hetzerische Fehlinformation verantwortlich. Diese hatte einen verhältnismäßig untendenziösen Bericht von RussiaToday über Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in Schweden kurzerhand umgedeutet.
So wurde rechte Gewalt letztlich als Aufstand von Bürgern dargestellt. Googelt man „Schweden Bürgerkrieg“ bekommt man etliche Berichte präsentiert, die diese Falschmeldungen aufnahmen und vermeintlich bestätigen, dass in einem der sichersten Länder der Welt tatsächlich ein Bürgerkrieg ausgebrochen sei. Brodnig spricht von „Panikmache mit Copy-Paste-Prinzip“.
Erklärung: Die Wissenschaft liefert Antworten
Erklärungen zu der Funktionsweise liefern die Kognitionswissenschaften und die Psychologie. Menschen lernen durch Wiederholung. Je stärker Worte in einem Zusammenhang auftreten, desto stärkere synaptische Verbindungen entstehen. Die Hebbsche Lernregel besagt: „Newrons that fire together, wire together.“ Wird die Meldung vom „Bürgerkrieg in Schweden“ ausreichend häufig wiederholt, entsteht eine geläufige Erinnerung.
Je häufiger Ideen sprachlich in einen Zusammenhang gestellt werden, umso mehr werden diese Zusammenhänge Teile unseres ganz alltäglichen unbewussten Denkens – unseres ‚common sense‘.
Diese Funktionsweise wird bei einem einseitigen Bezug von Informationen besonders problematisch, da sich entsprechende Ansichten dann besonders erfolgreich im Habitus eines Menschen festsetzen.
Als sogenannte „Echokammern“ bezeichnet die Journalistin Räume, in denen sich Menschen lediglich mit Gleichdenkenden austauschen und Informationen beziehen, die ihrem Weltbild entsprechen. Diese digitale Abschottung bewirkt den steten Widerhall von gleichartigen, die eigene Meinung bestätigenden Meldungen. Mit dem Newsfeed in Social-Media-Diensten bastelt sich jeder User seine eigene „Echokammer“. Deswegen ist das Netz so attraktiv für Halbwahrheiten und Falschmeldungen.
Laut Brodnig lassen sich zwei User-Gruppen unterscheiden, die bewusst Fehlinformationen verbreiten. Einerseits Trolle, die vorsätzlich provozieren wollen und laut einer kanadischen Studie häufig von Sadismus getrieben sind. Andererseits „Glaubenskrieger“, die in einer Art religiösem Eifer glauben, Bedrohungen erkannt zu haben, denen sich die Mehrheit der Bürger nicht bewusst ist.
Selbstkritik: Niemand denkt neutral
Völlig neutral und unvoreingenommen Informationen zu beziehen und zu verbreiten, ist unmöglich. Die Psychologie spricht den Menschen eine selektive Zuwendung zu, die dazu führt, dass wir Informationen suchen, die unserem Weltbild entsprechen. Als „confirmation bias“ bezeichnet man die Praxis, Informationen, die unseren Ansichten entsprechen, als wertvoller einzustufen. Solche hingegen, die unserer Meinung widersprechen, halten wir für weniger relevant – „disconfirmation bias“.
Jeder Mensch ist davon betroffen. Allerdings kann durch entsprechendes Training, beispielsweise der Diskussion mit Andersdenkenden, die Empfänglichkeit für alternative Informationen verbessert werden. Deshalb sind heterogene Netzwerke sehr wichtig. Brodnig spricht in dem Zusammenhang von „Democracy based on difference“.
Lösungsvorschläge: Was kann man tun?

- Affirmative Richtigstellung:
Da der Großteil der Menschen nicht total eingenommen ist, lohnt sich in den meisten Fällen eine Korrektur. Dabei sollte man die Falschmeldung in der Richtigstellung allerdings nicht wiederholen, auch nicht in verneinter Form. Statt „Nein, Obama ist kein Moslem“ ist es effektiver, mit „Nein, Obama ist Christ“ auf ein entsprechendes Gerücht zu antworten. - Appell an gemeinsame Werte:
Manche Bürger sind in manchen Fragen nicht empfänglich für Informationen. Die Idee einer erfolgreichen Gegenstrategie ist deshalb, Kompromisse bei wichtigen Themen zu finden. Man appelliert an gemeinsame, verbindende Werte und versucht, einen dementsprechenden Konsens zu erreichen. In der Flüchtlingsdebatte könnte das beispielsweise die Ablehnung von Gewalt als Mindestgrundsatz sein. - Juristische Schritte:
In Extremfällen hilft nur noch die Einleitung von juristischen Maßnahmen, denn „Niemand hat das Recht, mit Unwahrheiten andere fertig machen zu dürfen“. Beispielsweise stellte die österreichische Fraktion der Grünen 27 Anzeigen, nachdem ein Bild der Parteichefin mit üblen Unterstellungen im Netz kursierte – bislang mit Erfolg. Wichtig ist, dass die Justiz entsprechende Probleme ernst nimmt. Zudem ist es hilfreich, wenn die Betreiber von Internetdiensten schwer verletzende Inhalte zeitnah entfernen.

Da Lügengeschichten wahrscheinlich auch zukünftig Bestandteil des Internets sein werden, appelliert Brodnig, es den Fälschern wenigstens so schwer wie möglich zu machen.
Den kompletten Vortrag gibt es hier:
Mehr Informationen über Brodnig und zur Thematik finden sich auf ihrer Homepage. Dort gibt es auch ein Transkript des Vortrags.
Interessant sind außerdem das Video ihrer Buchvorstellung und weiterführende Infos zu ihrem re:publica-Vortrag sowie der Audio-Mitschnitt.
